Sonntag, 25. Mai 2008
Von den Anfängen... Teil 8
Die Sommerferien neigten sich dem Ende zu. Nach Leons Geburtstag hatte ich mit den Jungs vorerst nur telefonischen Kontakt gehabt. Es hatte nicht nur Erfreuliches gegeben, was Max zu berichten hatte. Er erzählte beispielsweise, dass ihm Gabriel eher ein Dorn im Auge war, weil er sich ständig mit anderen Mädchen einließ. Zudem habe sich Daniel einen kleinen Sommerflirt erlaubt, der allerdings nach zwei Wochen schon wieder beendet war. Das konnte ich kaum nachvollziehen. Mein süßer Daniel und einen Sommerflirt? Nein, das musste ein Missverständnis sein.
Um das Missverständnis aufzuklären, kam mir ein Sommerfest nur gerade recht. Wir besuchten am letzten Ferienwochenende wieder meine Tante, da wir uns das dortige Fest nicht entgehen lassen wollten. Den Nachmittag über verbrachten Jan und Frank damit, sich mit Wasserpistolen zu bespritzen. Somit war der Hausfrieden erheblich gestört. Ständig schrieen und lachten sie vor Freude laut auf und verwüsteten mit ihrem Herumgehüpfe den englischen Rasen. Meine Tante schickte deswegen Max in den Garten, der die alte Ordnung wieder herstellen sollte. Ganz schlechte Idee, denn logischerweise mussten sich die zwei Kleinen ordentlich zur Wehr setzen. Sie bildeten nun ein Team, das wie verrückt auf Max zielte und ihn ziemlich rasch durchnässte. Da Max sich das nicht mehr länger gefallen lassen wollte, flitzte er in den Keller, um sich dort ebenfalls mit einer Wasserpistole auszustatten.
Kaum betrat er wieder die Bildfläche, ging die lustige Wasserschlacht von vorne los. Der heilige Rasen war vergessen, es zählte nur noch Sieg oder Niederlage. Ich stand im sicheren Abstand auf der Terrasse und brüllte vor Lachen, weil es wirklich zu komisch aussah, wie sich die Drei hinter allem möglichen verbargen und urplötzlich ihre Deckung aufgaben, um reaktionsschnell ihre „Munition“ zu verschießen.
Die Schlacht eskalierte, als sich Max einen vollen Eimer schnappte und damit meinen Bruder begoss. Frank schrie vor Schreck wegen der Eiseskälte des Wassers kurz auf, weshalb sich Jan in Windeseile mit dem Gartenschlauch bewaffnete und damit auf Max losging. Das Geschrei rief nun auch endlich die Erwachsenen auf den Plan. Mein Onkel raste auf Jan zu, damit dieser nicht weiter blindlings um sich spritzte, doch der fand es schlagartig sehr spaßig, seinen Vater in seinem teuren Sakko nass zu machen. Verzweifelt versuchte meine Tante, mit donnernden Kommandos ihre Kinder zur Ruhe zu bringen. Sie scheiterte kläglich. Mittlerweile stand der ganze Rasen unter Wasser, und zum Lachen war mir überhaupt nicht mehr, als ich in die wütenden Gesichter meiner Eltern sah.
Ups, das war wohl eine Nummer zu heftig…warum müssen die Kleinen sich auch immer so daneben benehmen?, dachte ich.
Schließlich bekam mein Onkel den Schlauch in die Hand und beendete schlagartig die Wasserschlacht. Dank dieser grandiosen Aktion mussten Frank und Jan zu Hause bleiben. Das Fest sollte ohne sie stattfinden. So wirklich stören tat es sie allerdings nicht, weil sie sich so ausführlich mit ihren Computerspielen beschäftigen konnten. Auch gut, so konnten sie während dem Fest nicht anfangen zu nerven.
Nach einem zeitigen Abendessen brachen wir gemeinsam auf und wollten zusammen Leon mit seinen Eltern abholen. Doch Leon war schon vorgegangen. So schlichen Max und ich mit ein wenig Abstand hinter den Erwachsenen her.
Auf dem Festgelände angekommen, vereinbarte man eine Uhrzeit, zu der Max und ich bei meiner Tante wieder zu Hause sein mussten. Der Spaß konnte losgehen, allerdings mussten wir zuerst noch nach unseren Freunden Ausschau halten. Wir waren kaum ein paar Schritte gegangen, da begegnete uns Dennis, der freudestrahlend zu uns eilte.
„Da seid ihr ja endlich! Wir haben schon auf euch gewartet!“, begrüßte er uns.
„Wir wären früher da gewesen, wenn Frank und Jan nicht den ganzen Garten unter Wasser gesetzt hätten“, sagte Max.
„Du übertreibst mal wieder. Gut, der Rasen ist ein wenig feucht geworden, aber bei der Hitze ist das doch nun wirklich nicht tragisch“, bemerkte ich.
„Aber doch so schlimm, dass für sie das Fest gestorben ist“, erklärte Max.
Dennis lächelte und meinte: „Na ja, sie sind ja noch klein. Da gehört Unfug einfach noch dazu. Wir sind da auch nicht besser.“
„So klein sind sie nun auch wieder nicht. Jan ist 14 und Frank 13. Ein wenig vernünftiger könnte man da schon sein“, echauffierte sich Max.
Ich sah grinsend zu Dennis und zwinkerte ihm unauffällig zu. Dennis erwiderte mein Zwinkern. Anscheinend dachten wir dasselbe. Soll Max doch reden. Als ob er in dem Alter vernünftig gewesen wäre… dazu sagt man am besten nichts.
„Wo sind denn die anderen?“, fragte Max in die Stille hinein.
„Florian und die anderen Fußballer sind drüben auf der Wiese. Leon habe ich vor wenigen Minuten mit einem mir unbekannten Mädel zum Parkplatz laufen sehen. Wo Daniel steckt, weiß ich nicht“, antwortete Dennis.
„Leon ist auf dem Parkplatz? Was will er denn da?“, erkundigte sich Max.
Bevor Dennis antworten konnte, trat Florian von hinten an uns heran und sagte mit einem herablassenden Unterton: „Die Kleine hat ein Auto und dort sind sie im Moment ungestört. Wenigstens einer von uns kann sich amüsieren.“
„Bitte was?!“, rief ich schockiert aus.
„Schon mal was von „Sleeping in my car“ gehört? Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff“, meinte Florian vorwurfsvoll und einer gehörigen Portion Überheblichkeit.
Dennis, der mal wieder feinfühliger als Florian war, entgegnete: „Kann man das auch anders ausdrücken? Aber zerbrechen wir uns darüber nicht den Kopf. Wir wollen uns doch amüsieren und uns nicht die Laune verderben lassen. Lasst uns zu den anderen gehen und endlich Spaß haben!“
So gingen wir zu den anderen. Dort musste ich mit ansehen, wie Daniel heftig mit einem Mädchen flirtete und sie vor den Augen aller küsste. Ab da ging es mit meiner guten Laune schlagartig rapide bergab. Als dann noch Leon breit grinsend hinzukam und die anderen ihm auf die Schulter klopften, war meine Laune endgültig dahin. Max schien auch nicht sehr angetan zu sein, weshalb ich ihn schließlich bat, früher als ursprünglich vereinbart aufzubrechen. Mein Wunsch muss ihm aus der Seele gesprochen haben, da er sofort zustimmte und wir uns auf Grund plötzlicher Müdigkeit entschuldigten.
Kurze Zeit später waren wir daheim, und Max fragte: „Sag mal, weißt du, was das sollte?“
„Keine Ahnung. Ich kam mir aber wie auf einem Abschiebegleis vor. Es hat sich ja nur noch alles um unsere zwei erfolgreichen Casanovas gedreht“, antwortete ich mit einem deutlichen Anflug von Enttäuschung, „wo war Gabriel eigentlich?“
„Soweit ich weiß, war er mit Melanie verabredet“, antwortete Max zerknirscht.
„Melanie? Ist das die, mit der du ausgehen wolltest, die dir aber einen Korb gegeben hat?“, wollte ich neugierig wissen.
„Danke Susi, dass das noch einmal extra betonen musst“, giftete Max plötzlich zurück.
„Entschuldige, das wollte ich nicht. Es war wirklich nicht böse gemeint“, versuchte ich ihn wieder zu besänftigen.
„Das weiß ich doch. Ich ärgere mich einfach darüber. Gegen Gabriel bin ich absolut chancenlos und gegen Daniel und Leon auch. Ich komme mir wie der gutmütige Trottel vor, mit dem sich die drei beliebten Superstars nur aus reiner Nächstenliebe abgeben, um noch mehr zu punkten“, entgegnete Max geknickt.
„Jetzt übertreibst du aber. Sie mögen dich, insbesondere Daniel und Leon. Ihr seid zusammen aufgewachsen, wie kannst du da nur auf solche Gedanken kommen? Das ist doch Blödsinn“, wand ich ein.
Ungläubig sah Max mich an und fragte: „Und das sagst du jetzt nicht nur so?“
„Es ist mein voller Ernst“, bekräftigte ich lächelnd.
Damit war dieses Thema vorerst abgehakt. Wir wünschten uns eine gute Nacht und legten uns hin. Ich lag noch stundenlang im Bett und konnte einfach nicht einschlafen. Der Abend wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen, dabei war ich todmüde gewesen. Ständig sah ich Leon mit seinem breiten Grinsen vor mir oder Daniel, der dieses Mädchen küsste. Und dann war da noch die Geschichte mit Gabriel, die Max anscheinend doch sehr an die Nieren ging. All dies ließ mich einfach nicht schlafen, weshalb mir irgendwann mitten in der Nacht die glorreiche Idee kam, dass mich vielleicht ein wenig Musik ablenken könnte. Sogleich machte ich Licht, um nach meinem Walkman zu suchen. Nachdem ich ihn gefunden hatte, löschte ich das Licht wieder und legte mich hin. Ich setzte mir die Kopfhörer auf und drückte erleichtert auf Play. Meine Erleichterung wich prompt einer augenblicklichen Ernüchterung. Auf meinen Ohren dröhnte „Sleeping in my car“!

So endeten die Sommerferien nicht unbedingt so, wie ich es mir erhofft hatte. Daniel war zwar wieder heimgekehrt und man hatte einen neuen Freund, Gabriel, gewonnen, aber ob das ein solches Glück war, wagte ich zu mittlerweile zu bezweifeln. Irgendetwas war vorgefallen, was uns alle ein wenig verändert hatte. Wahrscheinlich war es aber nur der spürbare Zahn der Zeit, der vor nichts und niemandem zurückschreckt und der uns schließlich vollends auch erreicht hatte.

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