Freitag, 13. Juni 2008
Das Chaos ist perfekt... Teil 2
Wenige Tage später feierte Florian Geburtstag. Wie in der letzten Zeit üblich, machte ich mich bei Daniel zu Hause im Gästezimmer breit, wo ich, seitdem der Familienzwist begonnen hatte, die Nächte verbrachte, wenn ich meine Freunde besuchte. Ich fühlte mich in Daniels Gegenwart einfach wohl und ignorierte weitestgehend das flatterige Gefühl im Bauch.
Der Geburtstag war ein reiner Erfolg. Jeder amüsierte sich und es gab keinen Ärger. Irgendwann zwischen elf und zwölf bot Florian Eis am Stiehl an. Blind griffen wir in die Packungen. Als wir unser Eis in den Händen hielten, erlebten wir eine Überraschung. Die Eissorten waren nach den sieben Sünden benannt. Ich hatte Eitelkeit erwischt, was ich als äußerst passend empfand. Daniel dagegen hielt Wollust in seinen Händen und Leon Neid. Man hätte glatt meinen können, wir hielten unseren persönlichen Orakelspruch für den damaligen Abend in den Händen. Während ich heftig mit Daniel flirtete und er ständig mit mir tanzen wollte, sah ich aus den Augenwinkeln, dass Leon die Szenerie argwöhnisch beäugte. Sein kritischer Blick entging mir nicht, doch ich ließ es mir nicht anmerken.
In dieser Nacht kam ich nicht zum Schlafen, weil ich ständig Daniel im Kopf hatte. Es hatte mich schwer erwischt, anders konnte ich es mir nicht erklären. Ich musste mit Daniel darüber reden. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, wie er empfand. Aber was war mit Leon? War er denn tatsächlich eifersüchtig?
Am nächsten Morgen rückte ich nicht mit der Sprache raus. Ich hatte vor Daniels Reaktion Angst und entschloss mich erst einmal, abzuwarten.
Allzu lange dauerte das Warten aber nicht an. Bereits drei Wochen später war eine Vereinsfeier geplant, zu der mich Daniel, Leon und die anderen einluden. Ich freute mich und dachte, dies sei die Gelegenheit, um endlich mit Daniel zu sprechen.
Es kam dann doch ein wenig anders, als ich es geplant hatte. Auf der Feier machten Daniel und ich genau da weiter, wo wir an Florians Geburtstag aufgehört hatten. Es knisterte dermaßen zwischen uns, dass ich mir meiner Sache ziemlich sicher war. Leon blendete ich vorher aus, um nicht aus Rücksicht doch noch einen Rückzieher zu machen. Dennoch fiel mir auf, dass er für meinen Geschmack ein wenig zu finster dreinschaute und zu viel trank, was mich nicht gerade beruhigte.
Meine Nervosität nahm permanent zu; man könnte fast sagen, es wurde von Sekunde zu Sekunde immer schlimmer. Gegen halb drei machten wir uns auf den Weg, zu Daniel nach Hause. Für Anfang Februar war es seltsamerweise gar nicht so kalt, weshalb wir noch Arm in Arm spazieren gingen. Mein Herz schlug bis zum Hals, und ich hoffte inständig, dass es ihm nicht auffiel.
Als wir bei ihm waren, folgte ich ihm auf sein Zimmer, da er mir beim Spaziergang von seiner neuen Surroundanlage erzählt hatte. Ich wollte das Klangerlebnis mit eigenen Ohren hören.
Deshalb fragte ich: „Machst es dir was aus, wenn ich sie noch mal teste?“
„Aber klar doch. Leg ruhig was aus. Meine Eltern sind nicht da, deshalb stören wir auch niemanden. Ich hole noch was zu trinken und bin gleich wieder da. Mach es dir in der Zwischenzeit ruhig bequem“, antwortete er und verließ sogleich das Zimmer.
Ich stand da wie vom Blitz gerührt. Wieso hatte er bis jetzt verschwiegen, dass seine Eltern nicht da waren? Hätte er das nicht früher sagen können? Dank diesem Kommentar war ich nun noch viel nervöser als ohnehin schon. Um wieder ein wenig runterzukommen, ging ich ins Gästezimmer und suchte meinen Diskman. Ich entnahm die sich darin befindende CD und eilte zurück in sein Zimmer. Dort ging ich zur Anlage, legte die CD ein und versuchte, mich auf die Musik zu konzentrieren, damit ich mich wieder beruhigte. Ich genoss den fantastischen Klang und wechselte das Musikstück. Da kam Daniel mit einer Wasserflasche zurück ins Zimmer. Während er die Flasche abstellte, wechselte ich erneut das Lied. Eigentlich wollte ich noch ein Lied weiter springen, da hielt mich Daniel mit einem Stopp zurück. Er kam auf mich zu, nahm mir die Fernbedienung aus der Hand, legte diese beiseite und fragte, ob ich zu diesem Stück mit ihm tanzen wolle. Ich lächelte und hauchte ein Ja in die Luft. So begangen wir zum Lied „I want to spend my lifetime loving you“ zu tanzen. Ein schöneres Kitschlied hätte gar nicht laufen können.
Das Verrückte war, umso das Lied dem Höhepunkt zueilte, desto mehr knisterte es zwischen uns beiden. Mir war gleichzeitig heiß und kalt. Ein Schauer nach dem anderen lief mir den Rücken hinunter, und ich konnte nur noch in Daniels hübsche, blaue Augen sehen. Er strahlte mich unverwunden an, was mich noch mehr zum Schmelzen brachte. Schließlich küsste er mich, und mir war, als ob ich urplötzlich ins Paradies katapultiert worden war.
Am nächsten Morgen war es offiziell: Wir waren ein Paar! Während uns die meisten als das Traumpaar schlechthin feierten, tat Leon so, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Er spielte den Coolen, und mir war es recht. Sollte er ruhig den Unnahbaren spielen, so machte er wenigstens keinen Ärger.
Die nächsten Tage, die folgten, waren einfach wundervoll. Ich war mit Daniel so glücklich, wie schon seit langem nicht mehr, und ich musste mich ernsthaft fragen, ob ich jemals in den anderen Beziehungen so viel für jemanden empfunden hatte. Nichts konnte meine gute Laune trüben. Meine eigenen Zweifel waren wie fortgespült.

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Mittwoch, 4. Juni 2008
Das Chaos ist perfekt... Teil 1
In den folgenden Monaten ereigneten sich dramatische Dinge. Ein schrecklicher Schicksalsschlag ließ den Kontakt zu meiner Tante einfrieren. Jan fand relativ weit weg eine Lehrstelle; aus dem Abi war bei ihm leider nichts geworden. Max dagegen hatte 2002 mit seinem Abi zu tun und brach den Kontakt urplötzlich zu seinen ehemals besten Freunden ab. Er wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Warum das passiert ist, habe ich bis heute nicht herausgefunden. Ich dagegen hielt weiterhin den Kontakt, schließlich kannten wir uns schon ewig und sie lagen mir wirklich am Herzen. Sollte mein Cousin doch machen, was er wollte, mich interessierte es überhaupt nicht.
Es verging dann einige Zeit, bis das Gefühlschaos endgültig über uns hereinbrach. Zwischen Daniel und mir hatte es ab und an heftig gefunkt, doch wir hatten uns bisher nicht offenbaren können. Bei mir überwiegte noch die Angst, sich mit einem guten Freund einzulassen, schließlich bestand die Gefahr, dass diese Freundschaft durch ein Beenden der Beziehung ebenfalls kaputt gehen könnte. Außerdem nagten an mir noch Zweifel, wie lange eine Beziehung mit Daniel überhaupt halten konnte, da er sich an seinen bisherigen Kurzbeziehungen nichts geändert hatte. Sobald er sich langweilte, was nach wenigen Tagen, spätestens aber nach zwei drei Wochen der Fall war, beendete er die Beziehungen. Allein schon dieses Wissen sollte mich davon überzeugen, nichts mit ihm anzufangen. Doch gegen Gefühle ist man bekanntlich machtlos, und so kam es, wie es kommen musste.
Zu Sylvester 2003 hatte meine Mutter diverse Gäste geladen. Während ich von Daniel, Leon und Gabriel Besuch hatte, ging mein Bruder zu einem Freund, wo sie gemeinsam am PC zocken wollten. Zum Feuerwerk wollten sie aber vorbeischauen. Wir feierten ein grandioses Fest mit einem dreiviertelstündigen Feuerwerk und einem Ballonstart. Danach wollte mein Bruder zusammen mit Robin die Sachen von ihrer Mini-LAN-Party wieder zurück zu uns bringen. Das war gegen drei Uhr morgens.
Ich saß mit meinen Freunden vor dem Fenster, als wir aufeinmal ein panisches Geschrei, das von draußen kommen musste, vernahmen. Dann hörten wir, dass jemand bei uns Sturm klingelte. Ich raste die Treppe runter, doch meine Mutter war mir zuvor gekommen. Im Türrahmen stand bibbernd und kreidebleich mein Bruder. Sichtlich zu Tode erschrocken stammelten sein Freund und er von einem Unbekannten, der sie mit einem Schwert bedroht und den Frank zur Verteidigung mit seinem PC beworfen habe.
Wir benachrichtigten die Polizei, die gegen halb fünf aufkreuzte. Mein Vater sammelte davor noch gemeinsam mit einem verbliebenen Freund die Überreste des PCs auf. Meine Mutter und ich waren völlig aufgelöst und zitterten vor Aufregung. Vergeblich versuchten wir, Frank und seinen Freund zu beruhigen; der Schock war zu groß. Selbst Daniel, der zu Frank sonst immer einen recht guten Draht hatte, konnte zur Aufheiterung nichts beitragen. Die Todesangst, die die zwei Jungs erlitten hatten, war einfach zu hartnäckig. Im Gegensatz zu ihm ließ ich mich von Daniel aufmuntern. Leon und Gabriel diskutierten stattdessen eifrig mit meinem Vater, wie so etwas Unglaubliches hatte passieren können. Es war uns allen unbegreiflich.
Franks Angst ließ Stunden später immer noch nicht nach. Sogar beim Frühstück zeigte er noch Verunsicherung, und das alles nur wegen irgendeinem Hirnamputierten. Wäre dieser Mensch mir über den Weg gelaufen, er hätte sich auf einiges gefasst machen müssen, schließlich vergreift sich niemand ungestraft an meinem Bruder.
Vier Tage nach Sylvester klärte sich der Spuk erst vollständig auf. Es kam heraus, dass in der Nachbarschaft finstere Gestalten herumgeschlichen waren, die nach leeren Häusern Ausschau hielten, um einzubrechen. Ein Hausbesitzer wurde von seiner Frau alarmiert, die diese Kerle vom Fenster aus im Garten herumschnüffeln sah. Mutig – oder vielmehr lebensmüde – nahm er sich ein „großes Küchenmesser“, um die Eindringlinge zu vertreiben. Laut meinem Bruder und seinem Freund hatte es nur vielmehr nach einem Säbel ausgesehen. Meine Vermutung war, dass der Verrückte Besitzer einer Dönerbude war und sich mit dem entsprechenden „Dönermesser“ bewaffnet hatte.
In dieser Montur wagte er sich in den Garten, doch siehe da, die merkwürdigen Gestalten waren verschwunden. Entschlossen, die Diebe zu jagen, setzte er sich in seinen BMW und fuhr vorsichtig die Straße lang. Da sah er plötzlich zwei ziemlich schwer bepackte Gestalten. Vom Größenwahn gepackt fuhr er auf die Zwei zu, ließ die Scheibe herunter und sprach sie furchtlos an. Doch leider verstanden Frank und sein Freund das gebrochene und noch dazu genuschelte Deutsch nicht. Sie hielten den Mann zunächst für jemanden, der sich verfahren hatte, weshalb sie meinten, wo er denn hin wolle.
Während der Mann unverständlich antwortete, sah Franks Freund einen Säbel im Auto blitzen und schrie panisch: „Frank, lauf! Der Kerl ist bewaffnet!“
In diesem Moment riss der Mann die Tür auf und hielt einen Säbel in der Hand. Franks Freund rannte blindlings los, während Frank wie erstarrt war. Der Mann kam näher und sein Freund rannte immer noch, da warf Frank angsterfüllt den PC nach dem Mann und eilte los. Er überholte seinen Freund und legte die Strecke zu unserem Haus in Rekordzeit zurück. Mit einem Satz sprang er über unser Tor, und das ist immerhin einen Meter 70 hoch.
In der Zwischenzeit hatte sich auch der Mann aus dem Staub gemacht, da er es ebenfalls mit der Angst zu tun bekommen hatte. Drei Tage später war er zu Polizei gegangen und meldete, dass man versucht habe, bei ihm einzubrechen. Als er versucht habe, die Täter zu stellen, habe ihn einer der Zwei mit einem wahrscheinlich gestohlenen PC beworfen, der ihm auf den Fuß gefallen sei und dort nun einen blauen Fleck hatte. So viel Zufälle aufeinmal kann es in einer Kleinstadt nicht geben, dachte sich die schlaue Polizei, und sie behielt Recht. Der arme Kerl musste vor uns und Franks Freund zu Kreuze kriechen und sich entschuldigen, schließlich hatte er unschuldige Leute bedroht und ihnen einen Mordsschrecken eingejagt. Ich hätte diesen Bekloppten am liebsten vor Gericht gezerrt, schließlich leben wir in einem Rechtsstaat, wo man nicht zur Selbstjustiz greifen kann. Außerdem war am PC die Festplatte kaputt. Ich meinte, wenigstens diese könne man ersetzt bekommen, aber meine Eltern waren dagegen. Sie wollten die Sache auf sich beruhen lassen.
Später durfte ich mir dann noch von meinen Freunden anhören, dass es bei mir nie langweilig wurde. Es sei immer was los. Auf solche Ereignisse kann ich aber getrost verzichten.

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Dienstag, 3. Juni 2008
Weitere Verwicklungen... Teil 4
Zwei Monate später fand ein Fußballturnier mit Daniels und Leons Mannschaft statt. Max und ich waren frühzeitig gekommen, weil wir ihnen zuvor viel Glück wünschen wollten. Wir hatten uns auf den Weg in den Hallenkomplex zu den Umkleidekabinen gemacht. Das Turnier sollte auf den Plätzen draußen erfolgen. Leider war das Gebäude sehr unübersichtlich. Schließlich fanden wir die Umkleidekabinen.
Wir mussten mitansehen, wie der Trainer mit Leon allein vor den Umkleidekabinen stand und ununterbrochen auf ihn einredete. Zunächst dachten wir, es ginge um taktische Feinheiten oder (um) ein Aufpushen. Als wir aber immer mehr Worte aufschnappten, hörten wir, dass Leon seines Kapitänpostens beraubt war und dass dieser stattdessen an Gabriel gegangen war. Max und ich schauten uns augenblicklich an. In unser beider Gesichter konnte man das blanke Unverständnis ablesen.
Wie um alles in der Welt kann Leon abgesetzt werden? Er hat das doch so gut gemacht?, dachte ich.
Max schien dasselbe zu denken und schüttelte den Kopf. Mit unserem Verständnis konnte der Trainer vorerst nicht rechnen.
In diesem Moment erstarb das Gerede und wir sahen nur noch, dass die Tür der Umkleidekabine geschlossen wurde. Jetzt standen wir allein im Flur. Wir beschlossen, besser draußen auf die Mannschaft zu warten.
Nach wenigen Minuten kamen sie heraus. Daniel und Gabriel liefen vorneweg, während Leon der Letzte war, der die Kabine verließ. Langsam kamen die Drei auf uns zu.
„Na, gut vorbereitet?“, rief Max ihnen freudig entgegen.
„Es geht so“, antwortete Daniel mit einem mitleidigen Blick auf Leon, „wir sind ein wenig umgestellt, deshalb könnte es etwas schleppender beginnen.“
„Ach was! Es wird schon gut laufen, schließlich seid ihr alle gute Kicker!“, meinte Max mit für meinen Geschmack zu viel übertrieben guter Laune.
Ich ging auf Leon zu, drückte ihn fest und sagte: „Auch wenn du nicht mehr Kapitän bist, was mir mehr als Leid tut, du wirst trotzdem fantastisch spielen. Versprichst du mir das?“
Ein leises Ja war mir Antwort genug. Leon und ich gingen zu den anderen drei. Ich beglückwünschte Gabriel zu seinem neuen Posten. Bevor das erste Spiel anfing, drückte ich noch einmal Leon die Hand. Im Augenwinkel konnte ich sehen, dass es Daniel gesehen hatte und nun ein wenig angefressen dreinschaute.
Soll er doch gucken!, dachte ich mir und folgte Max, der einen geeigneten Platz für uns beide suchte.
Unsere Mannschaft gewann das Turnier. Während sich die Jungs in den Umkleidekabinen befanden, war ich auf der Suche nach einer Toilette. Auf Grund etlicher Bauarbeiten innerhalb des Gebäudes waren einige Bereiche gesperrt, was mir mit Max zu Beginn der Veranstaltung schon unnötige Schwierigkeiten bereitet hatte. Die fehlende Übersicht hatte man zwar versucht, mit den nötigen Hinweisschildern zu versehen, aber hatte sich irgendein Idiot den Spaß erlaubt, sie während des Turniers zu entfernen. So irrte ich von Tür zu Tür und kam mir dabei ziemlich blöd vor.
Endlich traf ich einen Handwerker, der mir sagte, ich müsse den Gang weiter rechts lang und dann die erste Tür links. Ich folgte der Beschreibung und war mir, als ich vor der vermeintlich richtigen Tür stand, so sicher, dass ich mir die Tür nicht näher ansah. Ohne die Augen mal richtig aufzumachen, riss ich die Tür auf und betrat den Raum.
Gleich beim zweiten Schritt verlor ich dank meiner supertollen Schuhsohlen das Gleichgewicht, weil ich mitten in eine Pfütze gelaufen war. Ich wäre beinahe hingefallen, wenn mich nicht plötzlich jemand aufgefangen hätte. Erst als ich wieder gerade stand, sah ich, in wessen Armen ich gelandet war. Leon, der lediglich ein Handtuch um die Hüften geschlungen hatte, hielt mich in seinen Armen fest. Ich war starr vor Erstaunen und sah ihn nur mit großen Augen an. In diesem Moment näherte sich uns Daniel von hinten an.
Er fragte: „Susi, was machst du denn hier? Und was hat das denn zu bedeuten?“
„Das fragst du noch?“, meinte Gabriel, der nur in Jeans plötzlich aufgetaucht war, „ich finde, das sieht doch ziemlich eindeutig aus.“
Leon ließ mich schlagartig los, und wir wurden beide tomatenrot. Verlegen sah ich zu Daniel und Gabriel. Während Gabriel breit grinste, sah Daniel sehr verärgert aus. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich raus und stammelte eine Erklärung zusammen. Es stellte sich heraus, dass der Handwerker rechts und links verwechselt hatte. Super, dafür war ich so im vorderen Duschbereich der Herren gelandet. Ein Glück, dass ich nicht mitten bei den Duschen herausgekommen war. Das wäre bestimmt megapeinlich geworden. Damit hätte ich die Lacher für die nächsten Wochen gepachtet gehabt. Nicht auszudenken! Obwohl, so ein paar knackige Jungs unter Dusche… egal, jetzt war es ohnehin gelaufen.
Am Abend feierte die Mannschaft mit Freunden ihren überragenden Sieg. Ich war froh, dass mein dämlicher Fehltritt keine weitere Erwähnung fand. Dafür waren sie zu sehr von ihrem eigenen Können überwältig, als dass sie auf solche belanglosen Nebenschauplätze eingegangen wären.
Nichtsdestotrotz spielte mein Fehltritt in einem Gespräch eine Rolle, das ich zufällig auf meinem Weg zu den Getränken mit anhörte. Leon und Daniel hatten sich ein wenig abseits von den anderen feiernden Gruppen platziert und diskutierten eifrig darüber, ob es von mir nicht Absicht gewesen sein könnte, sich in der Tür zu irren. Daniel schien diese Theorie nicht zu passen, was er auch lautstark gegenüber Leon vertrat.
Da lachte Leon nur und sagte: „Jetzt krieg dich mal wieder ein. Ich werde mich schon zurückhalten. Außerdem bezweifle ich, dass sie überhaupt an mir interessiert wäre. Sie ist viel zu gut für mich und schlichtweg unerreichbar.“
„Sie ist auch unerreichbar für mich, das weißt du. Wir haben Max versprochen, sie in Ruhe zu lassen“, entgegnete Daniel.
„Er tut aber gerade so, als sei aus Zucker oder schlimmer noch, eine Göttin, die nur angebettet und nicht berührt werden darf“, zischte Leon zurück.
„Gut, er übertreibt ein wenig. Trotzdem müssen wir uns an die Absprache halten“, erklärte Daniel.
Leon sah ihn bedeutungsvoll an und sagte mit deutlichem Nachdruck: „Wollen wir nur hoffen, dass Gabriel die Finder von unserer Göttin lässt.“
„Das wird er schon nicht tun“, bekräftigte Daniel.
„Abwarten“, sagte Leon.
Bevor mein sinnloses Herumstehen noch auffiel, eilte ich zu den Getränken. Ich konnte kaum glauben, was ich gehört hatte. Wie konnte sich mein Cousin nur so einmischen? Das war doch nicht seine Sache, oder? Es war einfach wieder typisch für ihn: Er musste wieder gentlemanlike handeln und hatte sich dabei bestimmt nicht so richtig Gedanken über mögliche Folgen gemacht. Und seid wann war ich zu gut für beide?
Es war klar, dass ich mit Max zu reden hatte. Noch am selben Abend wollte ich das in die Tat umsetzen, doch es gelang mir nicht, ihn davon zu überzeugen, diesen Unsinn, den er begonnen hatte, wieder sein zu lassen. Er meinte, er wolle mich nur beschützen. Nach einer längeren Diskussion musste ich feststellen, wie sinnlos es war, weiter darüber zu streiten. Max beharrte auf seiner Position. Immer wieder warf er seinen Freunden vor, wie mies sie sich teilweise verhielten. Ich hatte seine Meinung zu akzeptieren, dennoch sagte sich, er könne nicht erwarten, sein Ding ohne weiteres durchziehen zu können.
Am Abend lag ich sehr lange wach im Bett. Ich brütete dem, was ich gehört hatte. Während ich nachdachte, ging mir immer wieder eine Liedzeile durch den Kopf: „She` s so high like Cleopatra, Joan of Arc or Aphrodite, she` s so high, high above me“.

Dieses Lied verfolgte mich noch die nächsten Wochen. Während ich mich auf den Beginn des Studiums freute, wirkte es so, als ob Daniel und Leon einen Wettstreit ausfochten, wer denn besser für mich geeignet war. Seltsamerweise waren sie auch gleichzeitig die Schiedsrichter, insofern war es fraglich, was dieser kindische Blödsinn eigentlich sollte. Mich beeindruckten sie damit überhaupt nicht. Stattdessen tat ich etwas, womit sie niemals gerechnet hatten: Ich hatte einen neuen Freund.
Von da an war ich wieder unerreichbar, und ihre Kabbeleien gingen zurück. Das lag aber auch daran, dass Gabriel für Leon zu einer ernstzunehmenden Bedrohung geworden war: Er wurde zum begehrtesten Schwarm, beim Fußball hatte er ihn ausgebootet, das Abitur war ihm besser geglückt, er war – warum auch immer – ausgemustert worden und fuhr Leons Traumauto. Es begann, zwischen den beiden zu kriseln, was unsere gemeinsamen Treffen zusätzlich neben der Tatsache belastete, dass ich nicht mehr solo war. Der Einzige, den das aufrichtig freute, war Max. Daniel und Leon dagegen mussten sich vorerst damit abfinden, dass sie abgemeldet waren. Mein Interesse galt in erster Linie meinem Freund, und dabei wollte ich es auch belassen, womit ich aber nicht immer erfolgreich war. Sobald Daniel und ich uns zufällig berührten oder uns einen gewissen Blick zuwarfen, war da wieder dieses bestimmte Gefühl, das einfach nicht verschwinden wollte. Es war sehr hartnäckig und brachte langsam, aber unaufhaltsam die Grenze zum Unerreichbaren immer weiter zum Verschwinden.

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Montag, 2. Juni 2008
Weitere Verwicklungen... Teil 3
Es vergingen zwei Wochen, in denen ich mit meinen „Jungs“ nichts unternommen hatte. Dann plötzlich rief Daniel bei mir an, um mich und die anderen zu einem Picknick einzuladen. Er lud meinen Freund auch ein, der mir aber wenig später absagte.
So kam es, dass ich bei herrlichstem Wetter bewaffnet mit einem Picknickkorb zusammen mit Max, Daniel und Leon loszog, um einen geeigneten Platz zu suchen. Die Sonne schien und es war richtig angenehm warm, weshalb wir uns schließlich für einen Platz unter schattigen Bäumen suchten. Wir hatten viel zu lachen, und ich erfuhr nebenbei die aktuellsten Neuigkeiten, was die Fußballmannschaft und im Besonderen Gabriel betraf.
Gestört wurde unser trautes Zusammensitzen durch ein plötzlich aufkommenden Wind. Er fegte über unsere Decke hinweg und brachte so manches durcheinander. Damit nicht genug: Ein weiterer Windstoß riss mir meinen Lieblingssommerschal vom Hals und trug ihn eilends fort.
Ich schrie nur: „Halt! Mein Schal!“
„Warte, ich hole ihn dir!“, rief Daniel, der mitten im Satz aufsprang und dem Schal hinterher rannte.
Der Schal verfing sich einige Meter weiter in den Ästen eines Mirabellenbaums. Daniel zögerte nicht lange und kletterte hinauf. In weniger als drei Minuten war er wieder unten und hielt den Schal in seinen Händen.
Ich eilte zu ihm, nahm den Schal entgegen und sagte: „Vielen Dank! Das war echt süß von dir.“
„Ja, reife Heldenleistung auf einen solchen Baum zu klettern. Ein Wunder, dass du da hoch gekommen bist“, rief Leon uns von seinem Platz aus zu.
Ich rollte nur mit Augen und entgegnete: „Ach, hör gar nicht hin. Für mich bist du heute ein Held.“
Leider wurde der „Held“ in diesem Moment gewahr, wie seine weiße Baggyjeans aussah. Sie war beim Klettern ziemlich dreckig geworden, weshalb Daniel anfing, laut zu fluchen.
„Wie sehe ich denn aus? Das darf doch nicht wahr sein! So ein dämlicher Baum! Warum musste dieser verdammte Schal auch ausgerechnet darauf fliegen. Hätte er nicht einfach nur durch die Luft fliegen können? Aber nein, wegen diesem Scheißteil sehe ich jetzt aus, als hätte ich mich im Dreck gewälzt. So ein Mist!“
Ich drehte mich stumm um und ging zu unserem Platz zurück. Das soll mal einer verstehen! Erst lässt er sich für einen kurzen Moment feiern, um dann wegen so ein bisschen Dreck auszurasten. Aber ich war das von früher gewohnt, von daher überraschte es mich nicht wirklich. Er hatte schon immer ein Problem mit Dreck gehabt. Sandkästen waren für ihn damals die reinste Hölle gewesen. Heute konnten wir darüber lachen, aber wenn man das jetzt sah, konnte man nur schweigen. Einfach wieder typisch.
Als ich am nächsten Tag wieder daheim war, musste ich mir von meinem Freund anhören, dass mir meine „Jungs“ wichtiger als er seien, und dass er deshalb Schluss machen wollte. Ich gebe es ehrlich zu, mir kam der Schlussstrich ganz recht. So gut harmoniert hatten wir nicht, und wer mit meinen Freunden nicht klarkam, der konnte mir eigentlich auch gestohlen bleiben.
Wer nun davon ausgeht, dass Daniel von da an freie Fahrt hatte, der irrt. Er vergnügte sich in seinen Kurzzeitbeziehungen, während ich mit weiterhin einredete, dass Daniel nur ein Freund war. Unbewusst schien Max etwas von der Anziehung zwischen Daniel und mir zu ahnen, weshalb er mich als absolut tabu bezeichnete. Er wollte mir Ärger und Schmerz ersparen. Von nun an galt bei ihm erst recht die Devise: „Finger weg von meiner Cousine!“ Damit fuhren wir zwar zunächst gut, aber es blieb nicht von langer Dauer.

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Sonntag, 1. Juni 2008
Weitere Verwicklungen... Teil 2
Das Stück sollte zum Schulfest, das idealerweise kurz vor den Sommerferien festgesetzt war, aufgeführt werden. Mit Elan liefen die Proben ab, und alles schien perfekt. Beinahe schon zu perfekt für meinen Geschmack.
Am Tag der Aufführung war ich froh, dass nach diesem Abend der Stress vorerst endgültig vorbei war und ich mich in aller Ruhe auf den Semesterbeginn der Uni freuen konnte. Ich hatte mich nämlich nach längerem Überlegen für ein Lehramtsstudium entschieden, mit dem ich so früh wie nur möglich beginnen wollte.
Beim Theaterstück lief alles am Schnürchen bis zu der Szene, bei der ich mit Daniel allein auf der Bühne stand. Da tat er nämlich etwas, was laut Drehbuch gar nicht vorgesehen war. Ohne jede Vorwarnung küsste er mich. Das Publikum dachte natürlich, dies sei vorgesehen gewesen, zumal es tatsächlich zur Szene gepasst hatte, doch mein Freund wusste genau, dass dies bestimmt nicht verabredet gewesen war. Ich stand mit hochrotem Kopf auf der Bühne und vergaß vor Aufregung beinahe meinen Text. Mit einem Kuss hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet und erst recht nicht mit einem, von dem ich weiche Knie und Herzflattern bekam. Irgendwie schaffte ich es, mich zusammenzureißen, und konzentrierte mich auf meinen Text.
Das wäre geschafft!, dachte ich, nachdem ich wieder mit Daniel hinter der Bühne war.
Ich versuchte, ihn zur Rede zu stellen, erhielt aber keine zufrieden stellende Antwort. Er behauptete doch glatt, es sei einfach über ihn gekommen. Außerdem habe es ausgezeichnet zur Szene gepasst, und er frage sich allen Ernstes, warum es nicht von Anfang an so geplant gewesen wäre. Auf meine Bedenken hin, was denn mein Freund davon halten sollte, kam nur ein: „Da ist doch nichts dabei!“ Ich sah ihn nur skeptisch an und hoffte inständig, dass es für die restlichen Szenen keine weiteren Überraschungen geben würde. Glücklicherweise hielt er sich zurück.
Beim Schlussapplaus wurde mir klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste, als ich in das verstimmte Gesicht meines Freundes sah. Dieser Kuss war aber auch zu blöd gewesen! Warum hatte Daniel mich vor großem Publikum küssen müssen? Nein, eigentlich musste die Frage lauten: Warum hatte er mich überhaupt geküsst? Darüber konnte ich mir allerdings im Moment nicht den Kopf zerbrechen, da ich nach einer passenden Ausrede suchen musste, die ich meinen Freund präsentieren konnte. Was sollte ich nur sagen?
Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Noch bevor ich zu irgendeinem Ansatz ansetzen konnte, kam Daniel zu mir und meinem Freund und meinte: „Entschuldige, dass ich deine Süße geküsst habe. Diese Änderung wurde vor Beginn der Vorführung beschlossen. Also noch einmal: Sorry!“
Es war die logischste Erklärung gewesen, und mein Freund glaubte sie. Er sah zwar nicht begeistert aus, dennoch gab er sich beruhigt.
Die gezwungene Gelassenheit, die er danach versuchte, auszustrahlen, ging jedoch kurz darauf zu Bruch. Wir hatten beschlossen, den Erfolg des Stückes zu feiern und waren auf die Tanzfläche gestürmt. Gerade als wir am ausgelassensten tanzten, legte der DJ ein ruhiges Stück, nämlich „A groovy nicht of love“, auf. Daniel zog mich in seine Arme und tanzte eng umschlungen mit mir. Mein Freund stand abseits der Tanzfläche und warf uns giftige Blicke zu. Innerlich musste er am Kochen sein. Gleich nach dem Tanz stürzte ich zu ihm und wollte ihn auf die Tanzfläche ziehen, aber er blockte nur ab und meinte, ihm sei jetzt nicht nach tanzen zumute. Da ich ihn versöhnlich stimmen wollte, schlug ich vor, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Meine Taktik ging auf. Nur wenige Minuten später hatte er sich wieder beruhigt und fraß mir aus der Hand.

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Samstag, 31. Mai 2008
Weitere Verwicklungen... Teil 1
Veränderungen können überraschend und ohne jedwede Vorwarnung eintreten, oder aber sie schleichen sich heimtückisch ganz langsam heran. Nach den Sommerferien ereignete sich so einiges, was ich am liebsten übersprungen hätte. Die Schule wurde stressig, was wohl daran lag, dass ab sofort alles für das Abi zählte. Vor lauter Stress hatte ich da kaum noch für anderes Zeit, geschweige denn einen Kopf dafür! Es war zum aus der Haut fahren! Zu allem Überfluss vertraten in meiner Stufe immer mehr Leute die Ansicht, dass Mobbing ein sichtliches Vergnügen bereitet. Außerdem wurde es üblich, noch weiter auf jemandem herumzuhaken, auch wenn er bereits am Boden lag. Dieses Verhalten widerte mich dermaßen an, dass ich mich teilweise völlig aus dem Geschehen zurückzog oder ab und an versuchte, den Rächer der Armen und Unterdrückten zu spielen. Damit machte ich mich nicht gerade beliebt, doch das war mir gleich.
Es wäre daher wünschenswert gewesen, wenn ich von meinen Freunden ein wenig erbaulichere Geschichten hörte; leider war dem nicht so. Daniel führte Kurzbeziehungen, die meist innerhalb von zwei Wochen wieder beendet waren. Leon und Gabriel waren da mehr für One-Night-Stands zu begeistern. Und was war mit Max? Der konnte sehen, wo er blieb, was sicherlich auch nicht gerade einfach war.

Die Zeit verging. Plötzlich schrieb man das Jahr 2001, und mein Abitur stand bevor. Die schriftlichen Prüfungen hatte ich bereits hinter mir gelassen, nur die mündliche Kunstprüfung musste noch gemeistert werden, was ein Klacks für mich sein sollte. Bevor ich jedoch mein Abi in der Tasche hatte, stand der 18. Geburtstag von Max an. Er wollte bei sich daheim eine große Party veranstalten, und das natürlich an einem Abend, an dem seine Eltern nicht da waren.
Noch während der Vorbereitungen für das großartige Ereignis tischte er mir eine – wie er es nannte - Superidee auf. Auf Grund einer Verkettung unglücklicher Umstände mussten zwei Rollen im Schultheaterstück neu besetzt werden. Dank meiner jahrelangen Erfahrung vom Ballett wäre ich dafür mehr als geeignet. Gutmütig wie ich war, sagte ich ohne lange zu überlegen zu. Ich dachte, es könne ja nicht schwierig sein, so ein paar Sätze nach der Prüfung zu lernen und mit meinen Freunden auf der Bühne zu stehen. Wie sich nämlich herausstellte, spielten Daniel und Leon bereits mit.
Aber vor der großen Aufführung stand erst einmal der Geburtstag auf dem Programm. Es kamen viele Gäste, die Stimmung war fantastisch und es gab keine unerfreulichen Zwischenfälle. Da wir in den Geburtstag hineinfeierten, stießen wir gemeinsam um Punkt zwölf an. Zu dieser Zeit verspürte ich einen unangenehmen Druck im Kopf, was für einen meiner berühmten Migräneanfälle sprach. Da drinnen die Luft zu stickig und es draußen wunderbar warm war, suchte ich mir einen gemütlichen Platz auf der Terrasse, wo sich Daniel, Leon und Dennis zu mir gesellten. Gabriel stand drinnen wie immer in einem Pulk von Mädchen und ließ sich anhimmeln, während wir die Szene belustigt beobachteten. Überhaupt hatten wir einen guten Platz, von dem wir alles wunderbar beobachten konnten.
Wir konnten in aller Ruhe sehen, dass Florian einen besonderen Leckerbissen zu sich nahm und erst viel später registrierte, was er da eigentlich gegessen hatte. Das kommt davon, wenn man zuviel Alkohol zu sich nehmen muss. Aber er war nicht der Einzige, der an diesem Abend zu viel getrunken hatte. Max torkelte durch die Gegend, so dass man aufpassen musste, dass er nichts Kostbares zu Bruch brachte. Am herrlichsten war aber Chris, der so betrunken war, dass er nicht merkte, mit wem er sich unterhielt. Er stand am Teich und redete mit einem der herum schwimmenden Kois. Immer wieder sagte er: „Jetzt schau mich nicht so blöd an, oder es gibt gleich Ärger.“ Darüber konnten wir nur lachen.
Umso mehr Zeit verging, umso schneller verging mir aber das Lachen, da die Kopfschmerzen immer unerträglicher wurden. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als mich zurückzuziehen und hinzulegen. Ich schlich auf mein Zimmer, zog mich langsam um und legte mich auf das Bett. Da ich aber viel zu aufgekratzt war, schnappte ich mein Buch und las ein wenig.
Keine halbe Stunde verging, da klopfte es unverhofft an meiner Tür. Leon trat ein.
Verwundert über sein plötzliches Erscheinen fragte ich: “Was willst du denn hier?“
„Ich wollte sehen, ob es dir schon ein bisschen besser geht“, sagte er.
„Nicht wirklich. Der pochende Schmerz ist trotz Tablette noch nicht verschwunden“, antwortete ich und legte dabei das Buch zur Seite.
Er setzte sich zu mir auf das Bett und meinte: „Es wird sicher gleich besser werden.“
„Das hoffe ich. Möchtest du nicht wieder zu den anderen gehen?“, wollte ich wissen.
„Möchtest du mich etwa loswerden, Susi?“, erkundigte er sich.
„Das nicht direkt, aber wegen mir musst du dir die Party nicht entgehen lassen“, antwortete ich.
Er ließ sie sich aber entgehen. Erst am nächsten Morgen dämmerte mir, dass das Ganze für die anderen doch ein wenig merkwürdig aussehen musste, schließlich war er bei mir eingeschlafen, nachdem er mich versucht hatte, von meinen Kopfschmerzen mit den verrücktesten Geschichten abzulenken. Zwischenzeitlich hatte ich sogar so herzlich lachen müssen, dass ich schrie, er solle aufhören. Dabei hatte ich vergessen, dass das Fenster gekippt war und die anderen noch auf der Terrasse saßen. Peinlich, so was. Und dabei war rein gar nichts passiert, was allerdings die anderen nicht so recht glauben wollten. Einzig und allein Jan war derjenige, dem die Ereignisse relativ gleichgültig waren. Er verbrachte den Morgen damit, in aller Ruhe aufzuräumen und störte sich an den blöden Sprüchen der anderen Helfer nicht.
Nie hatte ich gedacht, dass dieser harmlose, nächtliche Besuch große Wellen schlagen würde, aber er tat es. Mein Freund war wenig davon begeistert gewesen, dass ich die Nacht über zusammen mit Leon im selben Zimmer und – viel schlimmer noch – im selben Bett verbracht hatte. Er sollte aber noch mehr zum Aufregen bekommen, schließlich hatte ich für das Theaterstück zugesagt.
Mir wurde schwindelig, als ich nach meinem bestandenen Abi feststellte, auf was ich mich eigentlich eingelassen hatte. Ich hatte eine der vier Hauptrollen zu ersetzen. Im Klartext hieß das: Viel Text in sehr wenig Zeit auswendig zu lernen. Zu allem Überfluss spielte Daniel meinen Partner, was meinen Freund fast zur Weißglut brachte.
Das Stück sollte zum Schulfest, das idealerweise kurz vor den Sommerferien festgesetzt war, aufgeführt werden. Mit Elan liefen die Proben ab, und alles schien perfekt. Beinahe schon zu perfekt für meinen Geschmack.

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Sonntag, 25. Mai 2008
Von den Anfängen... Teil 8
Die Sommerferien neigten sich dem Ende zu. Nach Leons Geburtstag hatte ich mit den Jungs vorerst nur telefonischen Kontakt gehabt. Es hatte nicht nur Erfreuliches gegeben, was Max zu berichten hatte. Er erzählte beispielsweise, dass ihm Gabriel eher ein Dorn im Auge war, weil er sich ständig mit anderen Mädchen einließ. Zudem habe sich Daniel einen kleinen Sommerflirt erlaubt, der allerdings nach zwei Wochen schon wieder beendet war. Das konnte ich kaum nachvollziehen. Mein süßer Daniel und einen Sommerflirt? Nein, das musste ein Missverständnis sein.
Um das Missverständnis aufzuklären, kam mir ein Sommerfest nur gerade recht. Wir besuchten am letzten Ferienwochenende wieder meine Tante, da wir uns das dortige Fest nicht entgehen lassen wollten. Den Nachmittag über verbrachten Jan und Frank damit, sich mit Wasserpistolen zu bespritzen. Somit war der Hausfrieden erheblich gestört. Ständig schrieen und lachten sie vor Freude laut auf und verwüsteten mit ihrem Herumgehüpfe den englischen Rasen. Meine Tante schickte deswegen Max in den Garten, der die alte Ordnung wieder herstellen sollte. Ganz schlechte Idee, denn logischerweise mussten sich die zwei Kleinen ordentlich zur Wehr setzen. Sie bildeten nun ein Team, das wie verrückt auf Max zielte und ihn ziemlich rasch durchnässte. Da Max sich das nicht mehr länger gefallen lassen wollte, flitzte er in den Keller, um sich dort ebenfalls mit einer Wasserpistole auszustatten.
Kaum betrat er wieder die Bildfläche, ging die lustige Wasserschlacht von vorne los. Der heilige Rasen war vergessen, es zählte nur noch Sieg oder Niederlage. Ich stand im sicheren Abstand auf der Terrasse und brüllte vor Lachen, weil es wirklich zu komisch aussah, wie sich die Drei hinter allem möglichen verbargen und urplötzlich ihre Deckung aufgaben, um reaktionsschnell ihre „Munition“ zu verschießen.
Die Schlacht eskalierte, als sich Max einen vollen Eimer schnappte und damit meinen Bruder begoss. Frank schrie vor Schreck wegen der Eiseskälte des Wassers kurz auf, weshalb sich Jan in Windeseile mit dem Gartenschlauch bewaffnete und damit auf Max losging. Das Geschrei rief nun auch endlich die Erwachsenen auf den Plan. Mein Onkel raste auf Jan zu, damit dieser nicht weiter blindlings um sich spritzte, doch der fand es schlagartig sehr spaßig, seinen Vater in seinem teuren Sakko nass zu machen. Verzweifelt versuchte meine Tante, mit donnernden Kommandos ihre Kinder zur Ruhe zu bringen. Sie scheiterte kläglich. Mittlerweile stand der ganze Rasen unter Wasser, und zum Lachen war mir überhaupt nicht mehr, als ich in die wütenden Gesichter meiner Eltern sah.
Ups, das war wohl eine Nummer zu heftig…warum müssen die Kleinen sich auch immer so daneben benehmen?, dachte ich.
Schließlich bekam mein Onkel den Schlauch in die Hand und beendete schlagartig die Wasserschlacht. Dank dieser grandiosen Aktion mussten Frank und Jan zu Hause bleiben. Das Fest sollte ohne sie stattfinden. So wirklich stören tat es sie allerdings nicht, weil sie sich so ausführlich mit ihren Computerspielen beschäftigen konnten. Auch gut, so konnten sie während dem Fest nicht anfangen zu nerven.
Nach einem zeitigen Abendessen brachen wir gemeinsam auf und wollten zusammen Leon mit seinen Eltern abholen. Doch Leon war schon vorgegangen. So schlichen Max und ich mit ein wenig Abstand hinter den Erwachsenen her.
Auf dem Festgelände angekommen, vereinbarte man eine Uhrzeit, zu der Max und ich bei meiner Tante wieder zu Hause sein mussten. Der Spaß konnte losgehen, allerdings mussten wir zuerst noch nach unseren Freunden Ausschau halten. Wir waren kaum ein paar Schritte gegangen, da begegnete uns Dennis, der freudestrahlend zu uns eilte.
„Da seid ihr ja endlich! Wir haben schon auf euch gewartet!“, begrüßte er uns.
„Wir wären früher da gewesen, wenn Frank und Jan nicht den ganzen Garten unter Wasser gesetzt hätten“, sagte Max.
„Du übertreibst mal wieder. Gut, der Rasen ist ein wenig feucht geworden, aber bei der Hitze ist das doch nun wirklich nicht tragisch“, bemerkte ich.
„Aber doch so schlimm, dass für sie das Fest gestorben ist“, erklärte Max.
Dennis lächelte und meinte: „Na ja, sie sind ja noch klein. Da gehört Unfug einfach noch dazu. Wir sind da auch nicht besser.“
„So klein sind sie nun auch wieder nicht. Jan ist 14 und Frank 13. Ein wenig vernünftiger könnte man da schon sein“, echauffierte sich Max.
Ich sah grinsend zu Dennis und zwinkerte ihm unauffällig zu. Dennis erwiderte mein Zwinkern. Anscheinend dachten wir dasselbe. Soll Max doch reden. Als ob er in dem Alter vernünftig gewesen wäre… dazu sagt man am besten nichts.
„Wo sind denn die anderen?“, fragte Max in die Stille hinein.
„Florian und die anderen Fußballer sind drüben auf der Wiese. Leon habe ich vor wenigen Minuten mit einem mir unbekannten Mädel zum Parkplatz laufen sehen. Wo Daniel steckt, weiß ich nicht“, antwortete Dennis.
„Leon ist auf dem Parkplatz? Was will er denn da?“, erkundigte sich Max.
Bevor Dennis antworten konnte, trat Florian von hinten an uns heran und sagte mit einem herablassenden Unterton: „Die Kleine hat ein Auto und dort sind sie im Moment ungestört. Wenigstens einer von uns kann sich amüsieren.“
„Bitte was?!“, rief ich schockiert aus.
„Schon mal was von „Sleeping in my car“ gehört? Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff“, meinte Florian vorwurfsvoll und einer gehörigen Portion Überheblichkeit.
Dennis, der mal wieder feinfühliger als Florian war, entgegnete: „Kann man das auch anders ausdrücken? Aber zerbrechen wir uns darüber nicht den Kopf. Wir wollen uns doch amüsieren und uns nicht die Laune verderben lassen. Lasst uns zu den anderen gehen und endlich Spaß haben!“
So gingen wir zu den anderen. Dort musste ich mit ansehen, wie Daniel heftig mit einem Mädchen flirtete und sie vor den Augen aller küsste. Ab da ging es mit meiner guten Laune schlagartig rapide bergab. Als dann noch Leon breit grinsend hinzukam und die anderen ihm auf die Schulter klopften, war meine Laune endgültig dahin. Max schien auch nicht sehr angetan zu sein, weshalb ich ihn schließlich bat, früher als ursprünglich vereinbart aufzubrechen. Mein Wunsch muss ihm aus der Seele gesprochen haben, da er sofort zustimmte und wir uns auf Grund plötzlicher Müdigkeit entschuldigten.
Kurze Zeit später waren wir daheim, und Max fragte: „Sag mal, weißt du, was das sollte?“
„Keine Ahnung. Ich kam mir aber wie auf einem Abschiebegleis vor. Es hat sich ja nur noch alles um unsere zwei erfolgreichen Casanovas gedreht“, antwortete ich mit einem deutlichen Anflug von Enttäuschung, „wo war Gabriel eigentlich?“
„Soweit ich weiß, war er mit Melanie verabredet“, antwortete Max zerknirscht.
„Melanie? Ist das die, mit der du ausgehen wolltest, die dir aber einen Korb gegeben hat?“, wollte ich neugierig wissen.
„Danke Susi, dass das noch einmal extra betonen musst“, giftete Max plötzlich zurück.
„Entschuldige, das wollte ich nicht. Es war wirklich nicht böse gemeint“, versuchte ich ihn wieder zu besänftigen.
„Das weiß ich doch. Ich ärgere mich einfach darüber. Gegen Gabriel bin ich absolut chancenlos und gegen Daniel und Leon auch. Ich komme mir wie der gutmütige Trottel vor, mit dem sich die drei beliebten Superstars nur aus reiner Nächstenliebe abgeben, um noch mehr zu punkten“, entgegnete Max geknickt.
„Jetzt übertreibst du aber. Sie mögen dich, insbesondere Daniel und Leon. Ihr seid zusammen aufgewachsen, wie kannst du da nur auf solche Gedanken kommen? Das ist doch Blödsinn“, wand ich ein.
Ungläubig sah Max mich an und fragte: „Und das sagst du jetzt nicht nur so?“
„Es ist mein voller Ernst“, bekräftigte ich lächelnd.
Damit war dieses Thema vorerst abgehakt. Wir wünschten uns eine gute Nacht und legten uns hin. Ich lag noch stundenlang im Bett und konnte einfach nicht einschlafen. Der Abend wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen, dabei war ich todmüde gewesen. Ständig sah ich Leon mit seinem breiten Grinsen vor mir oder Daniel, der dieses Mädchen küsste. Und dann war da noch die Geschichte mit Gabriel, die Max anscheinend doch sehr an die Nieren ging. All dies ließ mich einfach nicht schlafen, weshalb mir irgendwann mitten in der Nacht die glorreiche Idee kam, dass mich vielleicht ein wenig Musik ablenken könnte. Sogleich machte ich Licht, um nach meinem Walkman zu suchen. Nachdem ich ihn gefunden hatte, löschte ich das Licht wieder und legte mich hin. Ich setzte mir die Kopfhörer auf und drückte erleichtert auf Play. Meine Erleichterung wich prompt einer augenblicklichen Ernüchterung. Auf meinen Ohren dröhnte „Sleeping in my car“!

So endeten die Sommerferien nicht unbedingt so, wie ich es mir erhofft hatte. Daniel war zwar wieder heimgekehrt und man hatte einen neuen Freund, Gabriel, gewonnen, aber ob das ein solches Glück war, wagte ich zu mittlerweile zu bezweifeln. Irgendetwas war vorgefallen, was uns alle ein wenig verändert hatte. Wahrscheinlich war es aber nur der spürbare Zahn der Zeit, der vor nichts und niemandem zurückschreckt und der uns schließlich vollends auch erreicht hatte.

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