Dienstag, 20. Mai 2008
Von den Anfängen... Teil 5
Die Sommerferien des Jahres 1999 begangen. Ich hatte die elfte Klasse erfolgreich hinter mir gelassen genau wie Leon, Dennis und Florian. Weniger erfolgreich waren Daniel und Max gewesen: Beide mussten ein Jahr wiederholen, Daniel die Elfte und Max die Zehnte. Allerdings konnte diese Tatsache uns nicht die Freude über die langen Ferien trüben. Ich fuhr zunächst mit meiner Familie in den wohlverdienten Urlaub. Nach unserer Rückkehr stand mein 17. Geburtstag an, der in kleinem Familienkreis gebührend gefeiert wurde.
Ein paar Tage nach meinem Geburtstag stand Leons 18. Geburtstag an, den wir natürlich in großer Runde begießen wollten. So kam es, dass mein Bruder und ich uns für ein paar Tage bei meiner Tante einquartierten.
Gleich am ersten Tag unserer Ankunft wurde es unterhaltsam. Frank und Jan bastelten an einem streng geheimen Projekt. Bis heute habe ich nicht herausgefunden, was die beiden damals im Keller gebaut haben. Wahrscheinlich war es ein großer Flop, ansonsten hätten sie uns das Ergebnis mit stolzgeschwellter Brust präsentiert.
Die beiden waren beschäftigt, also nutzten Max und ich die Gunst der Stunde und machten uns aus dem Staub. Wir wollten mit den anderen Eis essen, spazieren gehen und uns in aller Ruhe Vorschläge für Leons Feier unterbreiten, da zeigten sich die ersten Veränderungen, mit denen wir schlagartig konfrontiert wurden.
Wie abgemacht hatten Max und ich einen wunderschönen Platz auf der Terrasse des Eiscafés in Beschlag genommen. Es vergingen keine fünf Minuten, da kam Leon zu uns ins Café. Mir fiel auf, dass er sich ziemlich gestylt hatte, was für ihn eher ungewöhnlich war, zumindest wenn er sich nur mit uns traf. Sein Dress war nur absolut perfekt, wenn er ausging oder wenn ihn seine Eltern irgendwohin mitnahmen, wo entsprechende Garderobe erwünscht war.
Warum um alles in der Welt brezelt der sich so auf? Wir sind doch schließlich unter uns, dachte ich.
Max musste dasselbe denken, jedenfalls warf er mir einen vielsagenden Blick zu, der Bände sprach. Leon schien unsere kritischen Blicke nicht zu bemerken und setzte sich zu uns an den Tisch.
Mit einem gereizten Unterton fragte Max: „Für wen hast du dich denn so schick gemacht? Hast wohl noch was vor, oder?“
„Wenn du schon so direkt fragst: Ja, es stimmt, ich bin danach noch verabredet. Wir werden ja ohnehin nicht lange brauchen“, antwortete Leon genervt.
Was war das denn? Ich verstand Leons Reaktion nicht und sah ihm skeptisch in die grünen Augen, aber er wand seinen Blick kalt von mir, griff energisch nach der Karte, schlug diese auf und verschwand hinter den bebilderten Seiten. Nun war ich noch viel mehr verwundert, getraute mich aber nicht, nachzufragen, was denn genau los sei.
Um das Thema zu wechseln, fragte ich Max schleunigst: „Weißt du jetzt mittlerweile, warum Daniel vom Internat geflogen ist?“
„Nein, leider. Er schweigt beharrlich dazu, es sei denn, er hat den hier eingeweiht“, antwortete Max und sah sauer zu Leon hinüber, der weiter in der Karte blätterte.
Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas passiert sein musste, von dem ich noch nichts wusste. In der momentanen Situation dachte ich, ich muss ja auch nicht alles wissen, und machte mir keine Gedanken. Ich hatte keine Lust, mir den Kopf über Leons Launenhaftigkeit zu zerbrechen. Inständig hoffte ich, dass Daniel endlich zusammen mit Dennis und Florian kommen würde, aber es tat sich nichts.
Wir verfielen in Schweigen, was ich als absolut grässlich empfand, und als ob es Max geahnt hätte, tat er etwas, um das peinliche Schweigen zu brechen. Ich wünschte, er hätte die Klappe gehalten, doch macht das mal einer Quasselstrippe klar.
Mitten ins Blaue hinein meinte er mit einem frechen Unterton: „Was war eigentlich noch mit dem Mädel am Samstagabend? Seid ihr euch noch einig geworden?“
In diesem Moment hätte ich am liebsten gegen Max` Schienbein getreten, doch leider war ein Tischbein im Weg. Er wusste genau, dass es gesünder war, Leon erst einmal in Ruhe zu lassen, wenn dieser schlechte Laune hatte. Aber nein, mein Cousin musste ja wieder herumstochern, um schlafende Hunde zu wecken.
Die Karte knallte auf den Tisch, so dass die Gruppe am Nebentisch heftig zusammenzuckte. Ich entschuldigte mich bei den Gästen und warf meinen beiden Jungs einen strengen Blick zu, den sie beide ignorierten.
Wie ein Peitschenschlag sauste Leons Antwort auf Max und mich hernieder: „Das geht dich einen Scheißdreck an, aber damit es dich beruhigt, sage ich dir, dass wir uns einig geworden sind. Willst du nun auch noch wissen, wie sie im Bett war?“
Sogleich zischte ich: „Ich würde noch lauter reden! Willst du, dass wir rausgeworfen werden? Es starren uns schon jetzt alle an!“
Eigentlich wollte ich ihn noch schärfer zurechtweisen. Wie hatte er sich nur so vergessen können? Aber genau in diesem Moment kamen Dennis und Florian an unseren Tisch. Erleichtert darüber, endlich eine entschärftere Situation vorzufinden, atmete ich hörbar auf. Wieder vergingen Minuten, in denen Leon sich hinter der Karte verschanzte und wir anderen vier munter plauderten.
Als aber eine halbe Stunde vergangen war, fragten wir uns, wo Daniel denn so lange bliebe, schließlich war es überhaupt nicht seine Art, zu spät zu kommen. Mittlerweile wurde der Kellner auch schon ungeduldig, weil wir mehr oder weniger den besten Platz auf der Terrasse blockierten, ohne etwas bestellt zu haben. Langsam wurde es auch mir peinlich, und ich fragte mich, wo denn Daniel nur steckte. Leon hatte inzwischen die Karte beiseite gelegt, warf dafür aber permanent einen Blick auf die Uhr, was mir total auf den Keks ging und was noch dazu unhöflich war.
Gerade als sich der Kellner wieder unserem Tisch nähern wollte, erschien Daniel endlich, aber er war nicht allein. Ihm folgte ein blondhaariger Typ in superschicken Klamotten, die Leons perfektes Outfit in den Schatten stellten. Mir blieb glatt die Spucke weg, als ich mir den Unbekannten näher ansah. Er hatte lange, dichte Wimpern, ein umwerfendes Lächeln, eine wahnsinnige Ausstrahlung und eine nicht zu verachtende Figur. Kurz gesagt: Ein echter Hingucker!
Lächelnd nahm Daniel an unserem Tisch Platz und wies den anderen stumm an, sich noch einen Stuhl zu nehmen und sich dazu zu setzen. Gespannt beobachtete ich jede einzelne Bewegung des Unbekannten und fragte mich, wer das wohl sei.
Dennis wollte etwas sagen, aber da kam ihm Daniel zuvor: „Entschuldigt vielmals, dass ich zu spät gekommen bin. Ich musste Gabriel noch abholen. Darf ich vorstellen? Das ist Gabriel, der mit mir die Zeit auf dem Internat totgeschlagen hat. Er ist mit seinen Eltern hierher gezogen. Ich dachte, ich nehme ihn kurzer Hand mit und stelle ihn euch vor.“
„Hallo. Es freut mich euch endlich kennen zu lernen, schließlich hat Daniel nur zwei Themen gehabt: Fußball und seine Freunde“, antwortete Gabriel.
Erst jetzt fiel mir auf, dass seine Augen zwei unterschiedliche Farben hatten. Das Eine war blau, das andere grün.
Jetzt konnte sich auch Dennis wieder einbringen: „Das ist ja echt ein Zufall, dass deine Eltern gerade hierher gezogen sind. Ich bin Dennis, das sind Florian, Max und Leon. Die reizende Dame, die dir gegenüber sitzt, ist unsere kleine Prinzessin Susi. Sie ist Max` Cousine.“
„Hallo! Ich hoffe, dir wird es hier gefallen“, sagte ich zurückhaltend.
„Trotzdem hättest du mal Bescheid geben können, dass es später wird. Wofür hast du denn dein Handy“, meinte Max beifällig.
Daniel zuckte nur mit den Schultern und entgegnete: „Sorry, hab ich ganz vergessen.“
„Ja klar! Vergessen! Wo du nur alle zwei Monate ein Neues hast!“, fügte Leon bissig hinzu.
Daniel verdrehte nur die Augen und sagte genervt: „Musst du wieder damit anfangen?“
„Es ist aber auch eine nervig, schließlich hast du auch permanent eine neue Nummer, weil es ja unbedingt Kartenhandys sein müssen“, fügte ich noch hinzu, „aber lasst uns doch über andere Dinge reden. Ihr beide kennt euch also vom Internat?“
So war nun schließlich auch Gabriel in unsere Kreise eingetreten. Ein weiterer Freund war hinzugekommen, allerdings war das zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. Erst in den nächsten Wochen sollte mit ihm eine neue Freundschaft wachsen, doch bis dahin stand zunächst einmal Leons 18. Geburtstag auf dem Programm.

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