Sonntag, 1. Juni 2008
Weitere Verwicklungen... Teil 2
Das Stück sollte zum Schulfest, das idealerweise kurz vor den Sommerferien festgesetzt war, aufgeführt werden. Mit Elan liefen die Proben ab, und alles schien perfekt. Beinahe schon zu perfekt für meinen Geschmack.
Am Tag der Aufführung war ich froh, dass nach diesem Abend der Stress vorerst endgültig vorbei war und ich mich in aller Ruhe auf den Semesterbeginn der Uni freuen konnte. Ich hatte mich nämlich nach längerem Überlegen für ein Lehramtsstudium entschieden, mit dem ich so früh wie nur möglich beginnen wollte.
Beim Theaterstück lief alles am Schnürchen bis zu der Szene, bei der ich mit Daniel allein auf der Bühne stand. Da tat er nämlich etwas, was laut Drehbuch gar nicht vorgesehen war. Ohne jede Vorwarnung küsste er mich. Das Publikum dachte natürlich, dies sei vorgesehen gewesen, zumal es tatsächlich zur Szene gepasst hatte, doch mein Freund wusste genau, dass dies bestimmt nicht verabredet gewesen war. Ich stand mit hochrotem Kopf auf der Bühne und vergaß vor Aufregung beinahe meinen Text. Mit einem Kuss hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet und erst recht nicht mit einem, von dem ich weiche Knie und Herzflattern bekam. Irgendwie schaffte ich es, mich zusammenzureißen, und konzentrierte mich auf meinen Text.
Das wäre geschafft!, dachte ich, nachdem ich wieder mit Daniel hinter der Bühne war.
Ich versuchte, ihn zur Rede zu stellen, erhielt aber keine zufrieden stellende Antwort. Er behauptete doch glatt, es sei einfach über ihn gekommen. Außerdem habe es ausgezeichnet zur Szene gepasst, und er frage sich allen Ernstes, warum es nicht von Anfang an so geplant gewesen wäre. Auf meine Bedenken hin, was denn mein Freund davon halten sollte, kam nur ein: „Da ist doch nichts dabei!“ Ich sah ihn nur skeptisch an und hoffte inständig, dass es für die restlichen Szenen keine weiteren Überraschungen geben würde. Glücklicherweise hielt er sich zurück.
Beim Schlussapplaus wurde mir klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste, als ich in das verstimmte Gesicht meines Freundes sah. Dieser Kuss war aber auch zu blöd gewesen! Warum hatte Daniel mich vor großem Publikum küssen müssen? Nein, eigentlich musste die Frage lauten: Warum hatte er mich überhaupt geküsst? Darüber konnte ich mir allerdings im Moment nicht den Kopf zerbrechen, da ich nach einer passenden Ausrede suchen musste, die ich meinen Freund präsentieren konnte. Was sollte ich nur sagen?
Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Noch bevor ich zu irgendeinem Ansatz ansetzen konnte, kam Daniel zu mir und meinem Freund und meinte: „Entschuldige, dass ich deine Süße geküsst habe. Diese Änderung wurde vor Beginn der Vorführung beschlossen. Also noch einmal: Sorry!“
Es war die logischste Erklärung gewesen, und mein Freund glaubte sie. Er sah zwar nicht begeistert aus, dennoch gab er sich beruhigt.
Die gezwungene Gelassenheit, die er danach versuchte, auszustrahlen, ging jedoch kurz darauf zu Bruch. Wir hatten beschlossen, den Erfolg des Stückes zu feiern und waren auf die Tanzfläche gestürmt. Gerade als wir am ausgelassensten tanzten, legte der DJ ein ruhiges Stück, nämlich „A groovy nicht of love“, auf. Daniel zog mich in seine Arme und tanzte eng umschlungen mit mir. Mein Freund stand abseits der Tanzfläche und warf uns giftige Blicke zu. Innerlich musste er am Kochen sein. Gleich nach dem Tanz stürzte ich zu ihm und wollte ihn auf die Tanzfläche ziehen, aber er blockte nur ab und meinte, ihm sei jetzt nicht nach tanzen zumute. Da ich ihn versöhnlich stimmen wollte, schlug ich vor, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Meine Taktik ging auf. Nur wenige Minuten später hatte er sich wieder beruhigt und fraß mir aus der Hand.

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